Es ist ein Satz, der in einem längeren Interview beinahe untergeht. Und doch sollte er uns als Editor*innen aufhorchen lassen. Ende September erläutern die neuen WDR-Programmdirektor*innen Andrea Schafarczyk und Ingmar Cario im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL die Zukunftspläne des Senders. Es geht um digitale Angebote, neue Produktionsabläufe, Kosteneinsparung und eine veränderte Programmstrategie.
In diesem Zusammenhang erklärt Schafarczyk, dass Reporter*innen künftig „deutlich häufiger als heute selbst drehen und schneiden“ sollen. Ein kurzer Satz. Aber einer, hinter dem sich eine grundsätzliche Frage verbirgt: Was ist der professionelle Schnitt unserer Medienbranche eigentlich noch wert?
Natürlich dürfen Reporter*innen ihre Beiträge selbst schneiden. Das geschieht seit vielen Jahren und kann je nach Format ausgesprochen sinnvoll sein. Problematisch wird es allerdings, wenn diese Entwicklung nicht vor allem journalistisch oder gestalterisch begründet wird, sondern Teil einer umfassenden Strategie zur Reduzierung von Produktionsressourcen und Kosten ist. Denn genau in diesem Kontext steht die Ankündigung des WDR. Wir sollten sie deshalb nicht als einzelne Entscheidung eines Senders betrachten. Sie ist ein Anlass, über die Zukunft unseres Berufs im Fernsehgeschäft nachzudenken. Über die zunehmende Zusammenlegung von Tätigkeiten. Über Arbeitsbedingungen, die schon heute vielerorts angespannt sind. Und über die Gefahr, dass eine eigenständige kreative Leistung langsam aus den Produktionskalkulationen verschwindet.
Weniger Programme, weniger Personal, mehr Aufgaben
Die bevorstehende Umstrukturierung des WDR ist umfangreich. Bis 2030 soll die Zahl der Programmangebote von rund 600 auf 300 sinken, wobei bis zu 100 neue Angebote entstehen sollen. Bereits im ersten Schritt werden 76 Angebote eingestellt. Von rund 400 bis 2030 frei werdenden Stellen sollen 133 nicht wiederbesetzt werden. Auch die Beauftragung freier Mitarbeiter*innen soll zurückgehen. Gleichzeitig sollen rund 20 Prozent der Stellen aus klassischen Produktionsbereichen in technologieorientierte Aufgabenfelder verlagert werden, unter anderem für künstliche Intelligenz und digitale Produktentwicklung.
Wie viele Editor*innen oder Schnittaufträge davon betroffen sein werden, ist bislang nicht bekannt. Einen konkreten Stellenabbau im Schnitt allein aus diesen Zahlen abzuleiten, wäre deshalb falsch. Dennoch ist die Richtung erkennbar: Klassische Produktionsstrukturen werden reduziert, Tätigkeiten zusammengeführt und technische Lösungen ausgebaut. Dennoch ist die Richtung erkennbar: Klassische Produktionsstrukturen werden reduziert, Tätigkeiten zusammengeführt und technische Lösungen ausgebaut. Denn Arbeit verschwindet nicht, nur weil sie künftig jemand anderes erledigen soll.
Der gefährliche Irrtum
Die Vorstellung, dass Journalist*innen ihre Beiträge künftig verstärkt selbst schneiden, berührt einen Punkt, mit dem wir seit Langem zu kämpfen haben. Der eigentliche Wert professioneller Montage wird seit Langem unterschätzt. Schnittprogramme werden einfacher, automatische Transkriptionen und KI-gestützte Werkzeuge beschleunigen technische Abläufe. Das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung. Doch dabei scheint eine entscheidende Unterscheidung verloren zu gehen: Eine Schnittsoftware bedienen zu können, bedeutet noch lange nicht, professionell editieren zu können.
Wir sind kreative Mitgestalter*innen audiovisueller Gewerke – so haben wir unsere Arbeit selbst definiert. Wir sichten Bild- und Tonmaterial, strukturieren es, bewerten es dramaturgisch und geben der filmischen Erzählung ihre endgültige Form. Die Montage beeinflusst Rhythmus, Dynamik, emotionale Wirkung und die Wahrnehmung des gesamten Werks. Das beschreibt keine bloße technische Dienstleistung. Unsere Arbeit bedeutet, Geschichten zu verstehen und ihre Wirkung bewusst zu gestalten. Sie bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen, Informationen zu gewichten, Spannungsverläufe aufzubauen und immer wieder Entscheidungen darüber zu treffen, was eine Geschichte tatsächlich benötigt. Welche Aussage kommt zuerst? Welche Information halten wir bewusst zurück? Wann braucht eine Szene Raum? Wann muss sie verdichtet werden? Welche Bilder erzählen mehr als ein erklärender Kommentar? Und entsteht durch die Verbindung zweier Einstellungen möglicherweise eine Bedeutung, die vom Material gar nicht gedeckt ist? Wer diese Fragen beantwortet, gestaltet den Inhalt wesentlich mit.
Natürlich gibt es Journalist*innen, die diese Arbeit hervorragend beherrschen. Professionelle Kompetenz ist nicht an eine Berufsbezeichnung gebunden. Aber sie entsteht durch Erfahrung, Wissen und die intensive Beschäftigung mit einer anspruchsvollen Tätigkeit. Die Gefahr besteht nicht darin, dass andere Berufsgruppen schneiden. Sie besteht darin, dass die eigenständige kreative Leistung des Filmschnitts zunehmend als verzichtbar betrachtet wird.
Effizienz auf Kosten des Schnitts?
Wenn Reporter*innen künftig neben Recherche und Dreh auch den Schnitt übernehmen sollen, wird Arbeit nicht automatisch eingespart. Sie wird zunächst nur anders verteilt. Wer den Schnitt einfach zur Nebenaufgabe erklärt, spart deshalb nicht zwangsläufig Geld. Im Gegenteil: Mehrbelastung, zusätzliche Korrekturen und weniger Zeit für die inhaltliche Gestaltung können die vermeintlichen Einsparungen schnell aufzehren. Weniger Personal bedeutet nicht automatisch mehr Effizienz. Und eine gestrichene Schnittposition bedeutet nicht, dass die Arbeit verschwindet.
Noch problematischer ist jedoch eine mögliche langfristige Konsequenz: Wenn eine Produktion eine eigenständige Schnittposition vorsieht, wird diese Leistung kalkuliert, beauftragt und vergütet. Übernehmen andere Berufsgruppen dieselbe Arbeit, verschwindet sie möglicherweise als eigenständiger Posten aus dem Budget. Der Schnitt findet weiterhin statt. Aber er wird wirtschaftlich unsichtbarer. Solche Entwicklungen verlaufen selten von heute auf morgen. Zunächst werden einzelne Beiträge selbst geschnitten. Später werden ganze Formate ohne eigenständige Schnittposition geplant. Irgendwann müssen Redaktionen möglicherweise begründen, warum sie überhaupt noch Editor*innen benötigen.
Dann hat sich die entscheidende Frage verschoben: Nicht mehr, welche Fachkräfte eine Geschichte braucht, sondern welche Aufgaben andere zusätzlich übernehmen können.
Eine Entwicklung, die über den WDR hinaus relevant ist
Der WDR ist nicht die gesamte deutsche Film- und Fernsehbranche. Trotzdem wäre es falsch, seine Pläne isoliert zu betrachten. Auch andere Sender stehen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Die Sparmaßnahmen beim MDR oder der angekündigte Stellenabbau bei RTL verdeutlichen, dass die gesamte Branche nach Möglichkeiten sucht, Kosten zu reduzieren. Das bedeutet nicht, dass diese Unternehmen dieselben Selbstschnitt-Modelle planen. Aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ähneln sich.
Besonders aufmerksam sollten wir deshalb beobachten, wie sich die öffentliche Diskussion über den Wert spezialisierter Fachkräfte entwickelt. Denn wenn professionelle Montage zunehmend nur noch mit besonders aufwendigen Produktionen in Verbindung gebracht wird, entsteht schnell der Eindruck, alle anderen Formate benötigten diese Kompetenz grundsätzlich nicht. Dabei ist die Dauer eines Beitrags kein verlässlicher Maßstab für dessen Anspruch. Eine dreiminütige Geschichte kann dramaturgisch anspruchsvoller sein als ein wesentlich längerer Beitrag.
Auch unser Nachwuchs ist betroffen
Die Diskussion betrifft außerdem die Menschen, die erst am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen. Montage ist ein Beruf, dessen Qualifikation sich durch Ausbildung, Studium, praktische Erfahrung und kontinuierliche Weiterbildung entwickelt.
Was passiert langfristig, wenn eigenständige Schnittpositionen in bestimmten Bereichen seltener ausgeschrieben oder beauftragt werden? Wo sammeln Nachwuchskräfte ihre ersten Erfahrungen? Wo lernen sie, mit erfahrenen Kolleg*innen komplexes Material zu bearbeiten? Wie entwickeln sie dramaturgisches Urteilsvermögen, wenn Produktionen vor allem auf möglichst kurze und personell reduzierte Abläufe ausgerichtet werden? Eine Branche, die auf Dauer weniger Gelegenheiten für die Entwicklung spezialisierter Fähigkeiten schafft, gefährdet möglicherweise genau jene Kompetenz, die sie für anspruchsvolle Produktionen weiterhin benötigt.
Wissen bleibt nicht automatisch erhalten. Es muss angewendet, weiterentwickelt und weitergegeben werden.
Was bedeutet die aktuelle Entwicklung für uns?
Wir verbringen einen großen Teil unserer Arbeitszeit damit, die Geschichten anderer Menschen zu erzählen. Wir kümmern uns um ihre Verständlichkeit, ihre Dramaturgie, ihre Wirkung. Wir suchen nach den richtigen Bildern, den passenden Übergängen, dem entscheidenden Moment. Doch die Geschichte unseres eigenen Berufs erzählen wir erstaunlich selten. Wir verlassen uns darauf, dass Produzent*innen und Redaktionen wissen, was Montage bedeutet. Dass sie ihren Wert erkennen, sobald sie einen guten Film sehen. Die aktuellen Veränderungen zeigen, dass das möglicherweise nicht ausreicht.
Es ist wichtig, problematische Veränderungen in der Branche sichtbar zu machen. Wir brauchen den Austauschen mit den angrenzenden Berufsgruppen, um uns nicht gegenseitig auszuspielen, sondern miteinander eine Zukunft zu entwickeln. Reporter*innen und Autor*innen sind nicht unsere Gegner. Kameraleute ebenso wenig. Auch sie stehen unter wirtschaftlichem Druck und müssen mit veränderten Produktionsbedingungen umgehen. Es geht darum, eine gefährliche Gleichsetzung zurückzuweisen: Nur weil jemand etwas technisch ausführen kann, ist die professionelle Fachleistung dahinter nicht automatisch ersetzbar.
Dass unsere Arbeit künftig mit anderen Werkzeugen und in anderen Produktionsmodellen stattfindet, ist selbstverständlich. Dass sie deshalb weniger wert sein soll, ist es nicht. Vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, das wieder etwas lauter zu sagen.
Oktober 2026, Michael Mederacke